Kaum kommt mal Besuch aus Berlin, schon lernt man wieder etwas mehr vom Land kennen. In erster Linie war Ralf angereist, um den alten Doppelstock-Strassenbahnen in Blackpool Aufwiedersehen zu sagen, doch daraus wurde nix. Dazu spaeter mehr.

Freitags (11.11.11!) machten wir uns nach einem ordentlichen Fruehstueck mit dem Auto auf die Reise. Blackpool liegt 260m (Meilen, Meter werden mtr abgekuerzt, Anmerkung der Redaktion) von hier entfernt, das sind knapp ueber 400km. Seltsamerweise wurde es gegen Mittag immer dunkler, wir fuerchteten schon eine Vorverlegung des 2012er Weltuntergangs oder die Ankunft eines unerwarteten solchen. Gluecklicherweise handelte es sich wohl nur um Nebel, der sich wahrscheinlich von knapp ueber der Erdoberflaeche bis kurz vor die Sonne auftuermte.

Blackpool war dann irgendwann erreicht, das Auto geparkt und wir machten uns auf zur Promenade (Blackpool ist ein Seebad am Atlantik noerdlich von Liverpool). Die Strassenbahn erfuellt hier in erster Linie touristische Zwecke und verkehrt nur parallel zur Kueste von einem Vergnuegungspark im Norden zu einem anderen im Sueden. Je nach Fahrtrichtung links oder rechts Wasser und auf der anderen Seite unzaehlige Spielsalons und andere Amusements. Kurz: 50% der Aussicht sind nett, auf den Rest kann man getrost verzichten, zumal bei dunkel-truebem Wetter, der zentrale Aussichtsturm verdient damit auch keinen Besuch.

Wie auch immer (1), unsere Hauptattraktion, alte Strassenbahnen, wie sie eigentlich auf den Gleisen da oben verkehren, waren nirgends zu sehen. Eine kurze Googelung brachte Erstaunliches hervor: die Dinger waren bereits am Wochenende zuvor letztmalig im Einsatz gewesen, es folgt eine Winterpause bis Ostern 2012, nach der dann allerdings brandneue Standardzuege zum Einsatz kommen werden. Wie schade. Haette man ja auch mal eher nachsehen koennen, wenn man schon weiss, dass sowas auf der Abschussliste steht.

Wie auch immer (2), wir folgten den Gleisen entlang dem einzigen Abzweig und gelangten sehr bald zum alten Strassenbahnhof, wo wir dann doch noch fuendig wurden.

In natura waren die Dinger schaerfer, das sei der Vollstaendigkeit halber hier angemerkt. Dies ist auch nur ein kleiner Ausschnitt aus dem vollen Programm. Es musste alles schnell gehen, denn das fuer eine Lkw-Durchfahrt offene Tor sollte sehr bald wieder geschlossen werden. Daher muss ich mich (und Ihr Euch) mit unscharfen Bildern begnuegen, sorry.

Des wunderschoenen Seebades ueberdruessig, verliessen wir nach kurzem Snack und dem Beiwohnen der spektakulaeren (naja) Farbwechsel beim Anstrahlen des Turms die Stadt gen Liverpool, das wir bei stroemendem Regen erreichten. Ein Hotel hatte ich bereits online ueber ein Portal gebucht, das last-minute-Raeume in hoeherpreisigen Hotels anbietet, dieses war ein Doppelzimmer mit getrennten Betten fuer £57 inkl. Fruehstueck im Thistle Tower Hotel. Der Raum war nicht supersauber, aber ansonsten sehr ok.

 

Liverpool war ja bekanntlich Industrie- und Hafenstadt, davon ist allerdings nichts mehr uebrig. Die Stadt ist durch den von der weltberuehmten Faehre ueberquerten Mersey zweigeteilt, wobei der urspruengliche alte Teil auf dem “Festland” liegt und eingemeindete Bereiche auf einer Landzunge, die den Fluss vom Atlantik trennt, bis er an ihrer Spitze endlich sein Ziel erreicht. Wir haben zumindest bewusst keine alten Industriegebaeude gesehen, die Uferlinie des eigentlichen Liverpool ist wenigstens im Innenstadtbereich weitgehend von alter Gewerbebebauung beraeumt, ubrig sind nur ein paar sehenswerte kleinere Klinkerbauten wie z.B. das Pump House. Das komplett von ehemaligen Lagerhaeusern umgebene Albert Dock ist als Weltkulturerbe geschuetzt und renoviert worden, nebenan entstand das neue Museum of Liverpool und nicht weit davon die Tate Liverpool (Museum fuer moderne Kunst) und The Beatles Story. Weiter Richtung Norden reihen sich das Port of Liverpool Building, das Cunard Building (Reederei der Titanic) und das Liver Building (sprich: leiver) mit den beiden Liver Birds, die Wappentiere der Stadt, auf den Spitzen der beiden Tuerme. Suedlich des Albert Dock schliesst sich ein Messe- und Veranstaltungsgelaende an, das auch das Riesenrad Liverpool Big Wheel beinhaltet nach dem Vorbild des London Eye.

 

Weiter landeinwaerts haelt die Stadt eine sehr grosszuegige Fussgaengerzone mit breiten Strassen bereit, die aber genau so auch in Bielefeld oder Hannover sein koennte, so gesichtslos ist sie. Aeltere Gebaeude gibt es zuhauf, meistens schoen zurechtgemacht, aber irgendwie wollte der Funke bei mir nicht ueberspringen. Kein Charme. Von der natuerlich besuchten Mersey-Faehre aus hatten wir eine dicke Kirche auf einem Huegel entdeckt, die wir nun besuchen wollten. Diese stellte sich als die Liverpool Cathedral vor, die weltweit laengste Kathedrale, erst 1978 fertiggestellt. Sie hat weitere Superlative zu bieten wie z.B. das welthoechste Turmgewoelbe (es IST hoch!), eine der (wenn nicht die) groesste betriebsfaehige Kirchenorgel mit mehr als 10,000 Pfeifen und das 31.5t schwere Gelaeut ist das hoechste und groesste der Welt. Nicht viele Kirchen beeindrucken mich, vor allem sueddeutsche Kitschkirchen mag ich ueberhaupt nicht. Diese aber hat mir schwer imponiert, einen Besuch kann ich sehr empfehlen. Wir hatten waehrend der mehr als 2 Stunden Aufenthalt auch das Vergnuegen, dem Gesang eines aus etwa 10 Menschen bestehenden Chorals beizuwohnen, hier und da unterstuetzt von der massiven Orgel, deren offenbar groesste Pfeife es schafft, das Holzgestuehl zum Vibrieren zu bringen.

 

 

 

Eine Turmbesteigung, zweieinhalb Stunden und etliche Bilder spaeter machten wir uns auf den Weg zurueck zum Auto, um die dritte und letzte Stadt fuer dieses verlaengerte Wochenende zu anzusteuern: Birmingham.

Birmingham ist nach London mit ueber 1Mio Einwohnern nicht nur die zweitgroesste Stadt der UK, sondern bildet als Zentrum der West Midlands auch (nach London) den groessten Ballungsraum mit fast 3.7Mio Einwohnern und (nach London :) ) den groessten zusammenhaengenden urbanen Bereich mit gut 2.3Mio Einwohnern, ansatzweise mit dem Ruhrgebiet vergleichbar.

Die West Midlands waren im Zeitalter der Industrialisierung stark gepraegt von Steinkohleabbau und Schwerindustrie, also auch hier wieder Parallelen zum Ruhrgebiet. Sie werden gebildet vor allem aus den Staedten Birmingham, Wolverhampton, Solihull, Coventry, Dudley, Walsall und Sandwell. Von Industrie ist allerdings ausser einigen Ueberbleibseln nicht mehr allzuviel zu sehen, wenngleich diese Gegend nach wie vor die mit der groessten industriellen Dichte ist.

In Birmingham, das von seinen Bewohnern auch “Brumm” (mit u=u und nicht u=a) genannt wird, wartete ein nettes und ganz neues Tagungshotel auf uns, die Zimmer waren sehr nett eingerichtet mit Doppelbett, sehr dunkler Einbauschrankwand, die auch einen gut 3m lange Arbeitsflaeche mit dahinter auf ganzer Laenge und Hoehe angebrachter Spiegelflaeche beinhaltete, und einem Sessel. Die Stoffe sind in einem hellen Gruen gehalten, sehr schoen alles. Gebucht waren die Zimmer wieder ueber eine Last-Minute-Internetagentur fuer £87 inkl. Fruehstueck (Gesamtpreis). Abends, es war bereits dunkel und wir waren gut erschoepft von Liverpool, legten wir nur den recht kurzen Weg in die City in den naechstbesten Wetherspoon’s pub zurueck, assen dort und fielen danach ins Bett. Der Morgen begruesste uns mit einem leckeren Frueshtuecksbuffet, das es an fast nichts fehlen liess. Unser erster Eindruck bei Tageslicht war dieser:

Dies ist ganz offensichtlich ein mehr oder weniger ungenutztes Parkhaus mit ungenutztem Buerohaus on top. Architektonisch finde ich das ganze sehr ansprechend, es will aber irgendwie nicht in die Gegend passen. In Birmingham wird gebaut, gebaut und, aeh, gebaut. Ganz viel ist schon ganz neu, vieles wird noch. Ob dieses landmark stehen bleiben darf, entzieht sich meiner Kenntnis, ich habe nichts darueber im Internet gefunden.

Als naechstes fielen viele mehr oder weniger leere Flaechen in der Stadt auf, die oftmals als Parkplatz genutzt werden, gern auch mit angrenzenden Ruinen. Das erinnert mich an Bielefeld der 70er und 80er Jahre, da gab’s solche Gegenden auch hier und da.

Naechste Station: Birmingham Moor Street Station, ein sehr nett restaurierter Bahnhof, der auf technischen Schnickschnack und moderne Beschilderung entweder komplett verzichtet oder sie gut versteckt.

Die Einkaufsstrasse und das grosse neue Einkaufszentrum sparten wir aus und machten uns weiter auf die Pirsch nach interessanten Gebaeuden. Wir wurden sehr schnell fuendig:

Dies ist New Street Station, wunderhuebsch, wieder aber in Kuerze abgerissen und soll einem ultramodernen Bahnhofsgebaeude in unregelmaessigen organischen Formen mit verspiegelter Edelstahlhuelle Platz machen:


Mein Foto entstand von der linken der beiden Strassen quer ueber die Gleise. Was mit dem alten Odeon-Kino auf dem ersten Bild passieren wird, weiss ich leider nicht.

Das naechste sehenswerte Ensemble erwartete und gleich hinter dem Bahnhof:

Staedtebaulich und architektonisch sicher nicht uninteressant, aber ob man sowas heute noch in einer modernen Stadt haben moechte?

Um nicht mein ganzes Fotoalbum hier zu zeigen, schneide ich das ganze mal ab. Birmingham hat mir sehr gut gefallen, trotz der vielen Neubauten ist das eine ehrliche Stadt ohne viel Glanz, man sieht ihr die Vergangenheit als Arbeiterstadt an vielen Stellen (noch) an, das wird sich aber sicher innerhalb der naechsten zehn Jahre aendern. Grund genug, der Stadt noch den einen oder anderen Besuch abzustatten. Nicht zuletzt befindet sich ja im unmittelbaren Einzugsgebiet mein Lieblings-Freiluftmuseum, das Black Country Museum. Weiter reizvoll ist das Kanalnetz, das bis zur Themse im Sueden, Wales im Westen, Manchester im Norden und bis zur Ostkueste reicht und hier sein Zentrum hat. Technisch interessante, fuer den Schiffer aber sehr zeitraubende und kraeftezehrende (weil manuell betaetigte) Schleusentreppen sind Bestandteil des allein innerhalb des Stadtgebiets 35 Meilen (56km) umfassenden Netzes.

Fotoalben gibt’s hier zu sehen:

BlackpoolLiverpoolBirminghamBirmgham (nur Busse)